Samstag, 16. November 2019

Rezension: "Das Institut" von Stephen King

Böse Zungen behaupten ja, der von mir sehr geschätzte Herr King könne inzwischen eine Einkaufsliste veröffentlichen und würde immer noch wie blöd gekauft werden. Andere meinen, er muss dank seines phänomenalen Ruhmes nun erst recht abliefern, weil er von Fans und Feinden mit kritischem Auge beäugt wird, sobald er ein neues Schätzchen auf den Markt wirft.

Sicher ist: King versucht sich im "Institut" an einem anderen Genre, denn mit Horror hat die Geschichte nicht viel zu tun. Übersinnliches taucht nur am Rande auf, der Horror ist menschengemacht und erhält einen fast schon alltäglichen Anstrich. Es stecken reichlich politische Anspielungen im Roman, dafür lässt sich tiefgehender Grusel lange suchen.

Cover und Klappentext der deutschen Ausgabe erscheinen reizvoll genug, um im Laden zuzugreifen, verraten beide aber nicht allzuviel, was zusätzliche Spannung weckt. Das Buch ist angenehm umfangreich und zum Glück nicht nur so ein dünnes Bändchen, wie es sein Vorgänger war.

Die Handlung:


"In einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis ermorden zwielichtige Eindringlinge lautlos die Eltern von Luke Ellis und verfrachten den betäubten Zwölfjährigen in einen schwarzen SUV. Die ganze Operation dauert keine zwei Minuten. Luke wacht weit entfernt im Institut wieder auf, in einem Zimmer, das wie seines aussieht, nur dass es keine Fenster hat. Und das Institut in Maine beherbergt weitere Kinder, die wie Luke paranormal veranlagt sind: Kalisha, Nick, George, Iris und den zehnjährigen Avery. Sie befinden sich im Vorderbau des Instituts. Luke erfährt, dass andere vor ihnen nach einer Testreihe im »Hinterbau« verschwanden. Und nie zurückkehrten. Je mehr von Lukes neuen Freunden ausquartiert werden, desto verzweifelter wird sein Gedanke an Flucht, damit er Hilfe holen kann. Noch nie zuvor ist jemand aus dem streng abgeschirmten Institut entkommen."

(Quelle Handlung und Bild: Amazon)


Mein Eindruck:


Die Geschichte ist schnell erzählt, weil sie simpel gestrickt ist. Sie verläuft weitgehend und chronologisch und erinnert ein bisschen an Aufsätze im Deutschunterricht: "...und dann... Danach... Dann passierte...." Überraschende Twists fehlen völlig. Allerdings schafft King es in dem ihm eigenen Erzählstil trotzdem, die Spannung Stück für Stück aufzubauen.

Er erweckt sympathische Charaktere zum Leben und bringt etliche Details in einem eher soften Tempo unter. Die Charaktere bleiben mir allerdings insgesamt zu eindimensional: Die Bösen sind eben böse und die Kinder alle unschuldig. Eine wichtige Figur taucht nur am Anfang und Ende auf.

Zudem bleibt lange im Dunkeln, wer denn nun eigentlich hinter diesem Institut steckt und warum die Personen tun, was sie tun. Diese den Leser hinhaltende Erzählweise weckte irgendwann meinen Unmut, sodass ich am Ende gar nicht mehr so scharf auf die Auflösung war, sondern einfach fertig werden wollte. Als positiv empfand ich die nachvollziehbar geschilderten Gefühle der Figuren und das Setting. Da die Hauptfigur ein Kind ist, versucht King, die Welt in der Wahrnehmung eines Heranwachsenden zu zeichnen, was zuweilen etwas bemüht wirkt und mir immer mal ein Schmunzeln entlockte. Erstaunlich ist trotzdem, wie gut sich ein inzwischen doch recht betagter Mensch in einen so jungen hineinversetzen kann.

Die Handlung selbst lässt nicht viel Raum für eigene Interpretation: Sie ist enttäuschend unspektakulär und wartet mit einem Ende auf, das den Leser ratlos zurücklässt: Statt eines fulminanten Showdowns gibt es nur ein laues Lüftchen, das schnell verfliegt. Und die Auflösung des großen Rätsels kommt ganz plump in Form einer Erklärung daher, die den Figuren in einem schlichten Gespräch im letzten Kapitel um die Ohren gehauen wird. Das hätte man vielleicht eleganter lösen können.

Das Buch liest sich flüssig und angenehm, wenn man die weitschweifigen Erklärungen Kings mag. Es ist allerdings nicht gerade ein Paradebeispiel für innovatives Plotting. Eigentlich wirkt es sogar ein bisschen, als hätte King selbst nicht gewusst, wie er die Sache am Ende aufklären soll - und es bis zum Abgabetermin auch nicht wirklich herausgefunden. Durch das schwache Ende und die extreme Fokussierung auf einen zwölfjährigen Protagonisten (zu Ungunsten eines Erwachsenen in einer zweiten wichtigen Rolle) wird das Buch wohl auch im Lager der Kritiker wieder Aufsehen erregen.

Meiner Meinung nach ist es ein untypischer King, was Handlung und Inhalt angeht, aber ein typischer, was die Figuren und die Erzählweise betrifft. Hartgesottene Anhänger werden ihm daher den Abstecher zum (Ja, was ist es eigentlich?) Drama (?) mit ein paar einfallslosen übersinnlichen Elementen verzeihen. Allen anderen empfehle ich unbedingt ältere Werke.