Freitag, 21. Februar 2020

Rezension: "Ich bleibe bei mir" von Anais C. Miller

Handlung:

 
Er spielt - sie liebt
Er lügt - sie glaubt
Er lacht - sie weint
Er flirtet - sie hofft
Er verletzt - sie verzeiht

Alkohol
Narzissmus
Depressionen
Drogen

Unzählige Arten der Abhängigkeit und Suchterkrankungen pflastern den Lebensweg unserer Mitmenschen. Oh weh, wenn wir uns in einen von ihnen verlieben. Bei Rebecca war es die Co-Abhängigkeit zu einem Mann, der bereits in jungen Jahren unter schweren Depressionen sowie einer unheilbaren Alkohol- und Drogensucht litt.
Wie alle Betroffenen glaubte auch sie daran, mit ihrer Liebe ihren geliebten Freund von seinen inneren Dämonen befreien zu können. Ihre Geschichte geht hin bis zur Selbstaufgabe. Rebecca verlor all ihr Geld, ihren Glauben und schlussendlich den Menschen, den sie über alles liebte.
Die junge Frau schildert rückblickend sehr offen und ehrlich den Leidensweg ihrer verlorenen Liebe.
Eine erschütternde, aufrüttelnde und tragische Geschichte zugleich. Erzählend vom Trugschluss, Liebe könne eine verlorene Seele aus ihrer Isolation befreien/retten, wenn wir uns nur stark genug für den Menschen einsetzen, den wir lieben.

Dieser Roman wurde nach einer wahren Begebenheit erzählt.

Das Buch ist für Leser unter 18 Jahren nicht geeignet.

Es beinhaltet explizite Szenen sexueller Handlungen, emotionalen und körperlichen Missbrauchs.
Für zartbesaitete Leser NICHT geeignet!

Teil 1 von 2 !!

 

Mein Eindruck:


Rebeccas Lebensgeschichte ist harter Tobak. Die junge Frau hat ihr Leben lang Missbrauch und Gewalt erlebt und ist psychisch massiv beeinträchtigt. Durch eine eindringliche Ich-Erzählerin wird uns Rebeccas Schicksal schonungslos und direkt nahegebracht: Die Vergewaltigungen durch den Vater, das Wegsehen der Mutter, die Quälereien und schließlich der Mordversuch durch ihren Partner Achim sowie ihr erfolgloser Selbstmordversuch lassen Rebeccas Leben zu einer einzigen Odyssee durch Misshandlung, Unterdrückung und Selbsthass werden.
Die Fakten sind krass und nichts für sensible Gemüter. 

Die Erzählerin bedient sich einer derben Sprache, die teils in die Fäkalsprache abgleitet, um die Heftigkeit der Gefühle besonders zu betonen. Und es sind viele Gefühle: Einerseits sprechen aus Rebecca Hass und Wut, sogar gegen völlig fremde Menschen, andererseits finden sich Schuld, Scham, die Sehnsucht nach Liebe und Mitgefühl mit anderen, die ebenfalls Schlimmes erleben. Sie ist hin und hergerissen zwischen ihrem Wunsch nach Liebe und Berührung und ihrer Angst vor Nähe, die sich auch in Flashbacks widerspiegelt. Sie beweist Zivilcourage, gibt sich dann aber wieder in Situationen selbst völlig auf, die man als gesunder Mensch nur schwer nachvollziehen will. Man möchte meinen, dass sich durch die jung erblühte Liebe zu dem Junkie „Sonne“ nun endlich alles zum Guten für die Mittzwanzigerin wendet, doch auch die schönen Momente voller Geborgenheit, Zuneigung und erfüllendem Sex sind von der Ahnung überschattet, dass auch dieser Mensch – ihre letzte Zuflucht – sie mit sich in den Abgrund reißen wird. 

Anais C. Miller verleiht ihrer Protagonistin eine Stimme, die direkt aus der Blase ihrer dunklen Gedanken erzählt, in der sie sich permanent befindet. Es gibt keine Farben in ihrer Welt, nicht einmal Schwarz und Weiß oder grau abgestufte Zwischentöne, sondern nur die Finsternis. Über dem Glück des Augenblicks droht eine neue Hölle, die uns sicherlich im zweiten angekündigten Teil präsentiert werden wird. Sonne agiert genau so, wie ein Junkie es tun würde und hat für Rebecca nicht nur Küsse und Kuscheln im Gepäck, sondern auch harte Drogen, Prostitution, den sozialen und finanziellen Absturz und einen erneuen psychischen Zusammenbruch. All das wird bereits im ersten Teil angedeutet. 

Die Mechanismen und Hintergründe, warum und wie jemand in eine psychische Abhängigkeit rutscht, sind nachvollziehbar beschrieben. Auch die Milieubeschreibungen gefallen mir. Die Protagonisten sind stereotyp: Die Geprügelte, der Junkie, der Schläger, die Verrückte, der unfähige (sogar missbräuchliche) Therapeut, usw., aber das passt gut, weil man sich so auf die Handlung konzentriert.

Die Erzählersicht bleibt bis zum Schluss eine konsequent einseitige – wir erfahren die Begebenheiten ausschließlich aus der Sicht des Opfers und das ist vermutlich auch die Intention der Autorin: Der echten Rebecca eine Stimme zu geben, die sie bislang im Leben niemals hatte.  Dadurch, dass der Erzähler direkt aus dem Kopf von Rebecca zu erzählen scheint, steht auch der Leser ganz nah am Geschehen und empfindet wohl mehr als einmal ein Schaudern, das über den Rücken läuft.

Die Plotstruktur ist etwas chaotisch. Es wirkt tatsächlich so, als ob ein Mensch direkt erzählt, ohne sich um die erzählerische Gestaltung zu kümmern. Stilistisch ist das Buch überbordend gestaltet: Der Text fließt geradezu über von Metaphern, Bildern, unzähligen Adjektiven. Wie alles ist natürlich der Stil auch immer Geschmackssache: Er passt gut zur extrem subjektiven Erzählperspektive. 

Fazit:


Anais C. Miller will aufrütteln und mit Tabus brechen. Durch ihre Geschichte und ihre Art zu schreiben gelingt ihr das, denn die Aufmerksamkeit des Lesers für Rebeccas Martyrium ist ihr sicher. Das Buch schenkt ein außergewöhnliches Leseerlebnis für Menschen, die sich gern mit extrem harten Schicksalen beschäftigen. 


Das Buch wurde mir von der Autorin zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich herzlich. Meine Meinung hat dies nicht beeinflusst.


Quelle Handlung und Cover: Amazon