Samstag, 28. März 2020

Rezension: "Fabian in memoriam" von Lena Hoffmann


Handlung:


Fabian ist mit seinem Leben unzufrieden. Sowohl in der Schule als auch mit seinen Eltern treten immer wieder Konflikte auf. Aus Ermangelung einer Bezugsperson kann er sich nur einem titellosen Buch anvertrauen, das er selbst mit seinen Gedanken füllt. Zusätzlich verletzt er sich regelmäßig selbst. 
Im neuen Mitschüler Marc findet das Mobbingopfer einen neuen Freund, der sich in der Schule und in seiner Familie für Fabian einsetzt. Die Freunde verbindet die Liebe zu Büchern. Endlich gelingt es Fabian, sich einem Menschen gegenüber zu öffnen.
Marc empfindet Fabians Probleme als unbedeutend. Trotzdem verteidigt er ihn gegen seine Mitschüler und ergreift auch gegenüber Lehrern Partei für ihn. Dadurch jedoch wird Marc selbst zum Außenseiter der Klasse und er beschließt dagegen vorzugehen. Marc will Fabian mit einem Mädchen verkuppeln, um das Ansehen der beiden in der Klasse zu verbessern. Seine Bemühungen scheitern und Fabian wird erneut zum Gespött aller. Daraufhin zieht er sich zurück. Die Freundschaft der beiden wird nun auf eine harte Probe gestellt. Und Fabians Todeswunsch wächst.
Wird Fabian seinen Plan durchführen? Oder findet Marc doch noch einen Weg, ihn davon abzubringen?

 

Mein Eindruck:


Die Autorin hat mir mit der mutigen Wahl ihres Themas großen Respekt abgenötigt, denn ich meine, es ist sehr schwer, das Thema der Selbstverletzung in einem Jugendroman zu verarbeiten. Neben dem Sujet ist auch die Zielgruppe nicht einfach und es braucht viel Fingerspitzengefühl, um den richtigen Ton zu treffen. Dies hat Lena Hoffmann in jedem Fall geschafft.

Der Roman wird im Wechsel von zwei personalen Erzählern geschildert. Während Fabian seine Erlebnisse, aber auch seine innere Not berichtet, erfahren wir von Marc auch die andere Sicht auf die Ereignisse und auf Fabian. Dadurch versteht man ein bisschen besser, warum Klassenkameraden ihn seltsam finden und warum er überall immer wieder aneckt.

Fabian ist ein sehr sensibler Junge, der Bücher liebt und Gedichte schreibt. Er kommt mit seiner Umwelt und seinem Leben nicht klar: Er wächst in einer Familie auf, in der autoritär und lieblos erzogen wird und viel Unverständnis für seine Bedürfnisse herrscht. Die kleine Schwester wird hofiert, während der stille Fabian den Eltern nichts recht machen kann. In der Schule wird er oft zu Unrecht von den Lehrern getadelt und von den Mitschülern regelmäßig gemobbt. Allerdings sind es nicht nur die Umstände, die Menschen in eine solche Gefühlsnot bringen. Fabian leidet unter einer kranken Psyche, die seine Sichtweise ins extrem Negative verfärbt. Aus diesem Grund schafft er es auch nicht mehr selbst aus seiner desaströsen Lage hinaus.

Der Leser erfährt umfangreiche Einblicke in seine Gedanken- und Gefühlswelt, die für gesunde Menschen mit einem stabilen Selbstwertgefühl nicht immer nachvollziehbar sind. So möchte auch Marc ihm zunächst helfen, stößt aber dann doch an seine eigenen Grenzen. Aus Angst, selbst zum Außenseiter zu werden, beugt er sich der Gruppendynamik und wendet sich von dem "komischen Kauz" Fabian ab. Das Unheil nimmt seinen Lauf...

Im Buch wird auf eine einfühlsame und klare Weise der Beginn der Mobbingaktivitäten beschrieben, was uns die Entwicklung der Geschichte besser verstehen lässt. Fabian verfügt über keinerlei Strategien und Ressourcen, um mit dem Erlebten umzugehen. Er wird nur noch angetrieben von seinen Gefühlen von Einsamkeit, Minderwertigkeit, Scham, Traurigkeit und Wut. Sein Handlungsfeld wird immer kleiner, seine Gedankenwelt immer düsterer. Es ist gut nachvollziehbar geschildert, warum die Geschichte geradezu zwangsläufig auf eine Katastrophe zusteuert.

Aber auch der sympathische Marc hat es nicht leicht: Die Verantwortung, sich um einen psychisch erkrankten Mitschüler zu kümmern und dessen Halt und Stütze zu sein, ist für einen jungen Menschen zu groß! Er möchte selbst dazugehören, er will - wie jeder Teen - Partys, erste Lieben und Fun erleben und opfert für seine eigenen Wünsche die Freundschaft. Doch er ist ein jugendlicher Mensch, nicht fehlerfrei, nicht ohne Schwächen - und die Last auf solch jungen Schultern ist sehr groß, wenn man sich um einen schwer depressiven jungen Mann verantwortlich fühlt! Insofern kann ihm keine Schuld am Geschehen gegeben werden. Das tut die Autorin auch nicht: Sie berichtet nur sachlich, was geschieht, und lässt den Leser seine Schlüsse selbst ziehen.

Bei dem ernsten Thema und dem anvisierten Lesealter kann man viel falsch machen! Lena Hoffmann ist es aber gelungen, einen einfühlsamen und intensiven Blick auf die Tabus "Ritzen" und "Selbstmord" zu werfen, die auch in unserem Alltag weiter verbreitet sind, als man glaubt!
Der Roman hat mir sehr viele Einblicke und wertvolle Erkenntnisse verschafft. Er ist in einer modernen, bildhaften Sprache geschrieben, wobei ich den Stil fast als etwas zu anspruchsvoll für Kids empfinde. Die Autorin verfügt über viel historisches, kulturelles und literarisches Wissen und gibt es an ihre Figuren weiter, was sehr gut zu deren Begeisterung fürs Lesen passt.

Fazit: 


Nicht jedermanns Thema, aber wer sich darauf einlässt, erhält ein intensives Leseerlebnis mit gutem fachlichen Background. Man kann das Buch nicht aus der Hand legen und kommt nicht umhin, mit beiden Jungs intensiv mitzufühlen.

Das Buch wurde mir von der Autorin zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich herzlich. Meine Rezension hat das nicht beeinflusst.

Quelle Handlung und Bild: Amazon