Donnerstag, 14. Mai 2020

Rezension: "Barfuß auf spitzen Steinen" von Renate Lehnort

Handlung:


Ein grauenhaftes Verbrechen erschüttert den kleinen Ort Markt Brunn in Niederösterreich. Der siebzehnjährige Tim hat die zehnjährige Emily, die er seit ihrer Geburt kennt, missbraucht und ermordet. Britta und Laura – die Mutter des Mörders und die Mutter des Opfers – sind seit Kindheitstagen eng befreundet, wie werden sie jetzt mit dieser Last umgehen? Wird Britta ihren Sohn fallen lassen? Wird Laura ihren Hass und ihre Rachegefühle überwinden und zu einem normalen Leben zurückkehren können? Spannung garantiert!

Mein Eindruck:


Der Stoff, aus dem diese Geschichte gewebt ist, wiegt schwer! Die Gesichte über einen Mord, der das Leben zweier Familien massiv verändert, wird aus der Sicht der beiden Frauen geschildert, die einst über die Jahre hinweg beste Freundinnen waren und alles miteinander teilten. Während Laura nach der Bluttat lernen muss, mit ihrem furchtbaren Verlust und ihrer Wut auf den Täter zu leben, muss Britta mit dem Entsetzen über das Verbrechen ihres Sohnes klarkommen, den sie trotz allem immer noch liebt. Zudem erfährt sie, was es heißt, an ihrem Heimatort Spießruten zu laufen. Kein Leben ist mehr, wie es vorher war und wird auch nie wieder so sein. Beide Frauen und ihre Familien sind gezwungen, sich gänzlich neu im Leben zu orientieren.

Beide Gefühlswelten werden ausführlich geschildert, sodass der Leser Einblick in beide Frauen erhält: In ihr Leben vor dem Mord und das Leben nach dieser Wahnsinnstat, das sich für alle Beteiligten in sehr unvorteilhafte Richtungen entwickelt. Der zeitliche Rahmen umfasst über 15 Jahre und beschreibt auch Ereignisse, die sich nach der vollzogenen Haftstrafe des einst jugendlichen Straftäters ergeben.

Für eine solch heftige Handlung braucht es Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl und weil Renate Lehnort beides hervorragend einzusetzen weiß, lässt einen der Roman überhaupt nicht mehr los. Man möchte sich einerseits irgendwie gar nicht vorstellen, wie man sich selbst in einer solchen Lage fühlen würde und kann doch nicht aufhören zu lesen. 

Der Plot ist einfach strukturiert, was gut ist, denn experimenteller Schnickschnack würde nur von der der Story ablenken. Die Handlung und das Thema sprechen für sich! Zahlreiche Gefühle wie Trauer, Zorn, Fassungslosigkeit und Zuneigung wider Willen werden ausführlich beschrieben. Und es geht noch tiefer: Neben den Beziehungen zu und zwischen den Kindern fallen stehen auch  die Ehen der beiden Paare auf der Kippe. Man kann auf der einen Seite verstehen, wohin Erfahrungen dieser Art Menschen treiben, auf der anderen Seite ist so manche Entscheidung moralisch fragwürdig. Ich kann mir vorstellen, dass das Ende unter den Lesern polarisiert. Fragen wie die nach Schuld, Verantwortung, Liebe und Gewalt werden bewusst offengelassen, weil sie pauschal einfach nicht zu beantworten sind.

Der Roman ist keine leichte Lektüre. Er entspricht in Aufbau und Gestaltung einem Krimi, weil auch die Ermittlungen und das Gerichtsverfahren eine Rolle spielen. Er enthält aber eindeutig zusätzlich dramatische Züge, denn die Geschehnisse könnten ernster nicht sein. Wer tiefgehende Geschichten liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Spannung ergibt sich durch die ungewisse Zukunft der beteiligten Personen und natürlich durch die Frage, welchen Einfluss die furchtbaren Ereignisse auf die Freundschaft der zwei Frauen haben, die sie einst für unerschütterlich und ewig hielten.  

Fazit:


Hochinteressantes Buch hinsichtlich des Themas, der Umsetzung und der Figurengestaltung! Der Roman wirkt noch eine Weile nach. Nichts zum Zwischendurchlesen oder zur Unterhaltung, sondern eine Geschichte, die wirklich ans Herz geht und auch vor unangenehmen Gefühlen nicht davonläuft. 

Das Buch wurde mir von der Autorin zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich von Herzen. Meine Meinung hat das nicht beeinflusst.

>>> Quelle Handlung und Bild