Donnerstag, 25. Juni 2020

Rezension: "Ich.darf.nicht." von Natascha Fürstl

Handlung:


»Ich liebe meinen Bruder mehr als alles andere auf dieser Welt.
Ich liebe ihn mehr, als ich darf.«

Olivias Bruder kehrt nach vier Jahren Exil in einem Schweizer Nobelinternat in den Schoß der Familie zurück. Der schwelende Konflikt zwischen den Geschwistern scheint unüberbrückbar.
Was ist in jenem letzten, gemeinsamen Sommer, an den sich das Mädchen nur lückenhaft erinnert, zwischen ihr und Robert wirklich geschehen?
Je näher Olivia der Wahrheit kommt, dass nicht Hass, sondern Liebe sie einander entfremdet hat, desto mehr geraten die beiden in einen Sog aus Schuld, Sühne und verzehrender Leidenschaft.

Was aus Liebe getan wird,
geschieht immer jenseits von Gut und Böse.
(Friedrich Nietzsche)

Warnung: Dieser Roman enthält erotische Szenen.


Mein Eindruck:


Die intime Liebe zwischen Geschwistern ist eins der großen Tabus unserer Gesellschaft und gilt in nahezu allen Kulturen als verpönt. Biologisch macht das Sinn, denn durch den eingeschränkten Genpool bei der Zeugung von Kindern laufen genetisch allzu ähnliche Paare Gefahr, nichtgesunde Nachkommen zu produzieren. Sich eine solche Liebesgeschichte als Thema zu wählen ist also gleichermaßen pikant wie herausfordernd, denn sie bringt ihre ganz eigenen Konflikte und Probleme auf den Plan.

Olivia, die Ich-erzählende Hauptfigur, ist blutjung, stammt aus einer reichen Familie und wurde früh von der Mutter verlassen. Ihren einige Jahre abwesenden älteren Bruder Robert scheint sie aus tiefstem Herzen zu hassen, zudem leidet sie unter Albträumen und Erinnerungslücken. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich schnell ein prickelnder Plot, der recht eigensinnige Pfade geht. Während sich die Geschwister verlieben und ihrer verbotenen Liebe frönen, offenbaren auch die anderen Familienmitglieder nach und nach kriminelle oder zumindest schlüpfrige Geheimnisse. Olivia selbst wird von ihren widersprüchlichen Gefühlen hin und hergerissen wie ein menschliches Stück Treibgut, das auf einem gefährlichen Ozean treibt, der viel zu groß für sie ist.

Angenehm fand ich die neckische, frische Sprache, die sehr gut zur Hauptfigur passt. Humorvolle Formulierungen mildern die heftige Handlung etwas ab und sorgen für ein angenehmes Leseerlebnis. Das Tabu der Geschwisterliebe wird auf vielfältige Weise beleuchtet, die Gefühlsschilderungen sind intensiv und eindringlich. Sehr verständlich erscheinen mir die Minderwertigkeitskomplexe, die Olivia quälen. Sie ist eine junge Frau ohne Selbstvertrauen, hält sich selbst für eine Versagerin und lebt weitgehend isoliert, was ihre Erfahrung, zwischen Begierde und Scham nicht mehr ein noch aus zu wissen, umso schwieriger gestaltet. Auch sucht sie nach Gründen, wie und warum es überhaupt zu dieser fatalen Entwicklung kommen konnte, und knüpft Fäden in die Vergangenheit.

Mir ist es trotzdem nur schwer gelungen, unbeschwert in die Lovestory einzutauchen. Zwar konnte ich der Hauptfigur mit den Herzchen in den Augen in gewisser Weise folgen - immerhin lassen sprudelnde Hormone, Einsamkeit oder Verzweiflung Menschen manchmal verrückte Dinge tun. Die Reaktionen des Umfelds der beiden unglücklich Verliebten konnte ich hingegen nicht recht nachvollziehen. Die Familie, die das Geschehen zwar kritisch kommentiert, letztendlich aber doch unterstützt, scheint mir ein bisschen "drüber" zu sein, ebenso wie die übrigen kriminellen Tätigkeiten, die den Plot würzen und zuweilen für unfreiwillige Komik sorgen.

Ich denke, es ist generell ein vielschichtiges Thema, das einfach einige Fragen offen lassen muss. Den Mut der Autorin Natascha Fürstl bewundere ich, weil sie sich eine wirklich schwierige Geschichte vorgenommen hat, die einem Schriftsteller gern zu entgleiten droht wie ein glitschiger Fisch, der in allen Regenbogenfarben schillert, aber letztlich nicht zu greifen ist. Sie hat ihre Geschichte sprachlich souverän und mit Leidenschaft umgesetzt, inhaltlich für einen runden Abschluss gesorgt und sogar den Grundstein für einen zweiten Teil gelegt.    

Fazit:


Wer sich mit einem ungewöhnlichen, sogar einem schlüpfrigen Thema beschäftigen will und auf die wildesten Gefühlsmischungen steht, wird mit diesem Erstling auf seine Kosten kommen!

Die Autorin hat mir das Buch zur Verfügung gestellt. Dafür danke ich herzlich. Meine Meinung hat dies nicht beeinflusst.

Quelle: Cover und Handlung