Donnerstag, 19. November 2020

Rezension des Romans "Der Nordseehof - Als wir träumen durften" von Regine Kölpin

Handlung:
Der Nordseehof - Cover

»Wir müssen nach vorn sehen. Da liegt die Zukunft.«

In diesem ersten Band ihrer Saga um den ostfriesischen Nordseehof erzählt Regine Kölpin – spannend, bewegend und voller norddeutscher Atmosphäre – den Beginn einer dramatischen Emanzipationsgeschichte um drei Frauen aus drei Generationen.  

Ostfriesland, 1948: Johanna, Tochter eines Großbauern, verliebt sich in den Schlesien-Flüchtling Rolf – eine Liebe, die keine Zukunft hat, denn Johanna ist bereits dem wohlhabenden Hoferben Eike versprochen. Doch die beiden hören nicht auf zu träumen – von dem Glück der Heimat, der Wärme einer Familie und ihrer gemeinsamen Zukunft.

Der Nordseehof: Vor der stimmungsvollen Kulisse der norddeutschen Landschaft entfaltet sich eine opulente Familiensaga über die Macht der Träume und den Wunsch nach Freiheit, über verbotene Liebe und wahre Heimat. 

Mein Eindruck:

Auf dieses Buch habe ich mich besonders gefreut, weil ich genau in der Gegend lebe, in der es spielt - allerdings etliche Jahrzehnte später. Und so holte das Buch mich auch direkt dort ab und es fiel mir nicht schwer, mich ins Ostfriesland der Nachkriegszeit einzufühlen.

Regine Kölpin hat einen sehr schönen Auftakt für eine Familiensaga hingelegt: Beschrieben werden die Lebens- und Liebeserfahrungen der jungen Bäuerin Johanna und des schlesischen Flüchtlings Rolf, die ineinander verliebt sind, denen aufgrund der Lebensumstände und Familien aber kein Glück beschieden zu sein scheint. 

Zunächst ist das in der Tat die dramatische Entwicklung einer unerfüllbaren Zuneigung mit viel Sehnsucht und Herzschmerz, aber darüber hinaus ist es noch viel mehr: Neben den realistischen und anschaulichen Beschreibungen der Lebenswelt der ostfriesischen Bauernfamilien und der Natur (!) sind es auch Themen wie Rassismus und die tabuisierten Kriegsfolgen, die in den Fokus genommen werden. Da Johanna eine fortschrittliche und auf ihre Art eigensinnige Frau ist, kommen auch erste zarte Emanzipationsbestrebungen nicht zu kurz. Die starren und althergebrachten Strukturen werden lebensah beschrieben und ich fragte mich beim Lesen oft, wie ich selbst wohl in einer bestimmten Situation reagiert hätte. Es ist dem Können der Autorin zu verdanken, wenn man sich als Leser in eine solche "altmodische" Denkweise gut einfühlen kann, denn heuztutage erscheint sie uns natürlich eher fremd und überholt.

Der personale Erzähler bringt den Lesern die Sichtweisen der beiden Hauptfiguren im Wechsel nahe und so lässt sich umso eindringlicher verfolgen, wie weit sich die unterschiedlichen Lebenswege auseinanderbewegen. Dabei geht die Autorin sehr einfühlsam vor: Sie mag ihre Figuren, schenkt ihnen Raum und Entfaltung und verzichtet auf Längen oder Überflüssiges. 

Besonders gut hat mir die authentische Sprache gefallen: Durch die Verwendung typisch norddeutscher Begriffe in der Figurenrede werden bei einheimischen Lesern Heimatgefühle geweckt und es ist sehr leicht, die Figuren und deren Aktivitäten vor dem geistigen Auge erscheinen zu lassen. Immerhin sitze ich recht häufig selbst auf einem der Deiche, wie Johanna und Rolf sie erlebt haben. Schafe gibt es dort immer noch! Daraus entwickeln sich fast automatisch interessante Überlegungen, wie die Leute dort wohl früher gelebt haben. Nun, dank Regine Kölpin habe ich einen Einblick erhalten. :-)

Der Roman ist sehr gut recherchiert, denn er baut auf vielseitiges Hintergrundwissen, ohne seine Leichtfüßigkeit zu verlieren. Ich kann mir vorstellen, dass es Regine Kölpin viel Freude bereitet hat, in diese Materie einzutauchen und immer mehr darüber zu erfahren. Spannung ergibt sich natürlich aus der Frage, ob Johanna und Rolf doch vielleicht zusammenkommen, aber für mich persönlich waren die familiären Strukturen und deren Auswirkungen auf die einzelnen Menschen erheblich interessanter. Deshalb freue ich mich auf die Lektüre der Folgebände, welche die nächsten Generationen begleiten und auch in der Geschichte fortschreiten werden.

Fazit:

Eine Familien- und Liebesgeschichte in historischem Setting, die viele Themen geschickt anklingen lässt. Absolut geeignet zur Entspannung UND Informationssammlung - ein rundum schönes Leseerlebnis!

Das Buch wurde mir im Rahmen eines Gewinnspiels von der Autorin zur Verfügung gestellt, wofür ich von ganzem Herzen danke. Meine Meinung hat das nicht beeinflusst.


Quelle: Cover und Handlung