Freitag, 27. August 2021

Rezension: "Der Zug der Nonnengänse" von Franka Michels

Inhalt:

Vom Gehen und Kommen des Glücks:

»Der Zug der Nonnengänse« ist ein bewegender Roman über eine besondere Frauen-Freundschaft, schicksalhafte Entscheidungen und die inspirierende und tröstende Kraft der Natur.

Wenn sich der Himmel über der Insel Langeoog mit mächtigem Flügelrauschen füllt, dann kehren die Nonnengänse heim in ihr Winterquartier.
Nichts gibt der 60-jährigen Amelie so viel Trost und Kraft zugleich wie Wanderungen in der sich stetig wandelnden Natur des Wattenmeers und der Anblick der eleganten Zugvögel – ganz besonders jetzt, wo ihr wegen einer Krebs-Erkrankung nur noch wenig Zeit bleibt. Eine einzige Sache würde Amelie gerne noch ins Reine bringen, wenn sie nur wüsste, wie …
Als Bente auf der Insel eintrifft, ahnt Amelie sofort, was in der 20 Jahre Jüngeren vorgeht: Zu gut kennt sie selbst die widerstreitenden Gefühle, die Bente umtreiben.
An langen Nachmittagen in der Natur Langeoogs, wo die beiden Frauen Amelies geliebte Nonnengänse beobachten, entsteht eine tiefe Freundschaft, die schließlich beiden den Weg weisen wird.

Franka Michels lebt selbst an der Nordsee-Küste und liebt es, Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen wie beispielsweise der Salzwiese zu beobachten. Die auch auf der Insel Langeoog rastenden Nonnengänse haben die Autorin zu ihrem Roman über eine Frauen-Freundschaft inspiriert, die sich im Rhythmus der Natur entfaltet und schließlich beiden Frauen hilft, eine wichtige Frage zu beantworten: Was bedeutet Glück?

Mein Eindruck:

Was für ein herzerwärmendes - nein: herzzerreißendes - Buch! Ich las es quasi in einem Rutsch durch und kam nicht umhin, mir das ein oder andere Tränchen aus dem Augenwinkel zu reiben.

Schon auf den ersten Seiten fingen mich die malerischen Landschaftsbeschreibungen ein, die mit einem liebevollen Blick fürs Detail und mit zarter Feder ausgeführt werden. Mitreißende Wetterphänomene lassen neben den inneren Geschichten, die sich kraftvoll entwickeln, auch eine äußere Welt entstehen, in die ich am liebsten sofort eintauchen wollte. So war es nicht schwer, sich direkt in die Szenerie hineinziehen zu lassen und sich dort behaglich auszustrecken. Überhaupt steckt in diesem Buch eine Gemütlichkeit und eine Behaglichkeit, die trotz der zuweilen harten Schicksale der Protagonisten den Blick auf das Hoffnungsvolle und Schöne lenkt und ich ertappte mich öfters bei dem Gedanken: "Ach, da möchte ich jetzt auch gerade mittendrin sein und gemütlich Tee vor dem flackernden Feuer trinken, während draußen Wind und Regen toben!" Ich sah, roch und fühlte, was die Figuren wahrnahmen. Die Autorin hat ein ganz treffliches Händchen dafür, meine Fantasie direkt anzuzapfen und auf Wanderschaft zu schicken!

Das Buch zeichnet sich durch warmherzige, sympathische und allzu menschliche Figuren aus, die wiederum auch ihre Fehler, Macken und Makel haben und trotzdem - oder gerade deshalb - etwas ganz ureigen Menschliches in mir selbst berührten. Es ist eine Liebeserklärung an die Nordsee, aber auch eine an die Liebe und die Freundschaft, die Verbundenheit, die Menschen untereinander spüren und die Menschen zur Natur fühlen. Nicht zuletzt auch durch die vielfältigen Informationen und Einzelheiten über die Flora und Fauna und vor allem die Welt der Wattenmeervögel konnte ich außerdem einiges Neues erfahren und dazulernen, was besonders reizvoll war, da es sich bei einigen der Settings ja um mein eigenes Lebensumfeld handelt.

Die Geschichte entfaltet sich sanft und leise, hat es aber auf mehreren Ebenen in sich. Sie beschäftigt sich mit Fragen rund um das Sterben und die Endlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens, aber viel mehr als das ist sie auch ein Manifest auf das Leben und all seine Möglichkeiten. Aus den Erfahrungen der Älteren kann die jüngere Frau im Rahmen ihrer frischen und doch innigen Freundschaft wertvolle Schlüsse ziehen, doch der Lebensbericht der sterbenden Amelie hilft nicht nur der verwirrten Bente weiter: Auch mir als "lesender Beobachterin" zeigte er auf eine einfühlsame Art, worauf es letztlich im Leben doch wirklich ankommt: authentisch sein, aufrecht und ehrlich bleiben, den Blick immer wieder auf die kleinen Dinge des Daseins richten, die oft selbstverständlich erscheinen, es aber keineswegs sind. Freude und Erfüllung in diesen Dingen suchen. Und auf sein Herz zu hören, auch, wenn es Irrwege vorschlägt und man manchmal in Sackgassen landet! 

Wie heilsam und kostbar die Verbindung zur Natur ist, wird ebenfalls nochmal verdeutlicht, aber natürlich muss man eine gewisse Offenheit und Bereitschaft dafür mitbringen, wenn man sich im Schoß der Schöpfung zu Hause fühlen will. Dieser Prozess der inneren Öffnung für sich selbst und das Leben als solches ist wunderbar und gut nachvollziehbar beschrieben. Und so kann sich lösen, was verkrustet ist und feststeckt und es kann etwas ganz Neues ins Fließen kommen. Dabei ist das Buch niemals lebensfremd oder kitschig. Es beschreibt in einer Geschichte Lebensumstände und Probleme, die wir alle auf die ein oder andere Art kennen und manchmal nicht gern ertragen, ohne die Dinge maßgeblich beeinflussen zu können. Damit dient es nicht nur der Unterhaltung, sondern taugt auch ein Stück weit zur Lebenshilfe.

Die Natur spendet in dem Roman Trost, Klarheit, innere Ruhe - beispielhaft. Und so manch innerer oder familiärer Konflikt findet Wege in Richtung möglicher Lösungen, wenn man der Hektik des Alltags einfach mal entflieht, so, wie es Bente gemacht hat, um im wahrsten Sinne des Wortes wieder zu sich selbst zurückzufinden. Wir überhören nämlich oft die Stimme unserer Seele, weil sie nicht so laut ist wie alles andere um uns herum und weil sie sich aufgrund ihres zarten Wesens nur selten nachhaltig Gehör verschafft. Und dann tun wir gut daran, der Seele ein bisschen Zeit und Raum zu schenken, damit sie sich wieder bemerkbar machen und entfalten kann.

Alles in allem ist das Buch ein kleines Lehrstück in Sachen Achtsamkeit und es steckt voller feiner philosophischer Gedanken.

Fazit:

Existenzielle Fragen, zwischenmenschliche Konflikte, die eigene persönliche Entwicklung, die Verbundenheit zu anderen Menschen - und all das in den geborgenen Armen der Schöpfung höchstselbst - das sind die Themen, die in diesem wundervollen Buch Platz gefunden haben. 

Es war mir ein außerordentliches Vergnügen, es zu lesen und manchmal frage ich mich, ob die Autorin irgendeine Art von Magie beherrscht, die es schafft, so tief in meinem Inneren anzudocken, dass es mich ein bisschen gruselt. Aber auf eine sehr schöne Art!

Das Buch wurde mir von der Autorin zur Verfügung gestellt, wofür ich von Herzen danke. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst.

Quelle: Cover und Handlung