Mittwoch, 14. Juli 2021

Neuveröffentlichung: "Der Tag, an dem alle Farben verblassten" von Katharina Lindner

Worum geht's?

Die Kunst hat den Porträtmaler Eduard erfolgreich gemacht, er erfreut sich seiner Bekanntheit und seines Reichtums. Doch eines Tages verblassen wie von Zauberhand die Farben all seiner Bilder, was ihn im Nullkommanichts vom Olymp der Malerei stößt und schließlich ruiniert.

Eduard begibt sich auf eine Reise, um herauszufinden, warum seine Meisterwerke zu einem Desaster werden, sobald er einen Pinsel zur Hand nimmt. Er möchte sich seine Kunst und sein altes Leben in Luxus, Überfluss und Bewunderung unbedingt zurückerobern. In der Fremde trifft er auf die alleinerziehende Mutter Matilda, die er rasch ins Herz schließt. Auch ihr Sohn Levi offenbart dem überraschten Künstler eine ganz neue Welt. Alles könnte sich fügen, wären da nicht Eduards Altlasten, denen er nicht entrinnen kann. Kann Eduard die kleine Familie für sich gewinnen und sich seine Kunst zurückerobern?

Eine zauberhafte Geschichte über den Wert der Kunst und die Bedeutung, die Kreativität vielleicht auch für dich haben kann, wenn du den Mut hast, in ihre Quelle einzutauchen. 

Voller Zartheit, Mystik und Liebe zur Kunst!

Leseprobe:

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Wo kriege ich das Buch?

Du kannst es überall im Handel oder im Internet kaufen.

Zum Beispiel hier: 

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Was kostet es?

Das Buch kostet  Euro 10,99 (E-Book: 4,99 Euro) und erfreut dich dafür mit 256 ermotionalen Seiten.

Ich wünsche dir viel Spaß bei der Lektüre!

Rezension: "Geheimnisvolles Tibet - Der mysteriöse Fall des Lobsang Rampa" von Daniela Mattes

Inhalt:

In den 1950er Jahren, als noch wenig über Tibet bekannt war, tauchte in England ein Mann auf, der behauptete, ein hochrangiger tibetischer Lama zu sein. Sein erstes Buch „Das dritte Auge“ wurde sofort zum Bestseller. 18 weitere Bücher folgten. Und obwohl der inzwischen verstorbene Mann kurz nach Erscheinen seines ersten Buches als „Betrüger“ durch die Presse gejagt wurde, hat er auch heute noch viele Fans auf der ganzen Welt. Was ist das wahre Geheimnis dieses Mannes, der einen Seelentausch mit dem Engländer Cyril Henry Hoskin vollzogen haben will? Hat er wirklich in seinen Büchern echte Vorfälle berichtet, die er selbst bei seinen Astralreisen und in geheimnisvollen unterirdischen Höhlen in Tibet erlebt haben will? Gibt es dort wirklich Zugänge zu geheimnisvollen Städten, in denen alte Hochzivilisationen gelebt haben? Das Buch führt den Leser in das unbekannte Tibet mit all seinen östlichen Weisheiten, in denen die Mönche, genau wie die indischen Yogis, mit speziellen Übungen des Yoga dazu in der Lage sind, zu levitieren, Astralreisen vorzunehmen und viele andere Dinge zu tun, die bei Menschen im Westen als unglaublich angesehen werden. Es versucht zu klären, ob Lobsang Rampas Erlebnisse echt waren, oder ob er lediglich ein raffinierter Betrüger war.

Mein Eindruck:

Obwohl ich durchaus den mystischen Themen zugeneigt bin - und ganz besonders interessiert an (und vermutlich auch recht gut informiert über) die fernöstlichen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus und entsprechend verknüpfte Heilkunden bin, muss ich gestehen, dass ich von Lobsang Rampa zuvor noch nie etwas gehört hatte. Umso besser, dass meine belesene und ausdrucksstarke Autorenkollegin und Freundin Daniela Mattes meinem Wissensmanko gleich mal auf die Sprünge geholfen hat. Und sie schlug mich rasch in den Bann!

Jedenfalls wollte ich ziemlich bald nach Beginn der Lektüre des bebilderten Buchs auch gleich wissen: 

Ist dieser geheimnisvolle Typ denn nun ein echter Lama gewesen - oder doch ein Betrüger, wie ihm vielfach unterstellt wurde? 

Eben jener Frage geht Daniela in ihrer gewohnt akribischen und vielseitigen Weise nach: Sie betrachtet den umstrittenen Mann, der zweifellos - auf die ein oder andere Art - ziemlich besonders war, von allen Seiten und beschreibt sowohl positive Aspekte, lässt aber auch kritische Stimmen zu Wort kommen, was für eine ausgewogene "Untersuchung" sorgt.

Das Buch startet in gewohnt gutstrukturierter Weise mit einer Betrachtung zu Tibet und seiner Geschichte, Politik, Gesellschaft, Kultur und Religion. Hernach wird Lobsang Rampa selbst vorgestellt. Weggefährten und Anhänger ergänzen die Vorstellung ebenso wie Kritiker und Skeptiker, auch ForscherInnen und ExpertInnen werden befragt. Daniela gelingt nicht nur eine ausführliche Betrachtung des Menschen Lobsang Rampa, sondern sie ordnet ihn und seine Bedeutung auch in die sogenannte New Age - Bewegung ein und erfreut die LeserInnen darüber hinaus auch noch mit außerordentlich informativen Exkursen in relevante esoterische Themen wie Astralreisen, die Akasha-Chronik, Silberschnur, Aura, Lichtnahrung. Ein Plus für alle, die darüber gern mehr erfahren möchten und natürlich hilfreich bei der Lektüre, weil auch das zentrale Punkte in Rampas "Lehren" waren!

Auf diese Art ergibt sich ein vielfältiges Bild des Mediums(?), Hellsehers(?), Lamas (?) und Schriftstellers Lobsang Rampa, der möglicherweise aber auch ein neurotischer oder sogar gefährlicher Spinner gewesen sein könnte. Oder ein cleverer Hochstapler? Des Rätsels Lösung bleibt ein Geheimnis - vielmehr muss jeder Leser, jede Leserin es für sich selbst ganz persönlich beantworten, eine Aufforderung, die ich bei Danielas Sachbüchern immer ganz besonders schätze. Sie serviert nie eine endgültige Lösung, sondern sie legt ganz viele Krümel auf dem Weg dahin aus und beauftragt ihre LeserInnen, ihnen zu folgen wie Hänsel und Gretel und dann einfach mal zu schauen, welches Ergebnis am schlüssigsten erscheint. Das Spiel mit den Perspektiven beherrscht sie hervorragend.

Im zweiten Teil des Buchs kommt Rampa sozusagen selbst zu Wort, denn Daniela stellt seine Bücher exemplarisch und auszugsweise in leicht konsumierbaren, sauber aufgeräumten Häppchen vor. Nun kann man sich der Faszination des vielfach bewunderten und mindestens ebenso innig abgelehnten Mystikers Rampa gar nicht mehr entziehen. Was für eine schöne, runde, informative Sache! 

Mich hat übrigens gewundert, wie flüssig und angenehm sich die Originaltexte lesen. Rampa scheint ein Talent dafür gehabt haben, den Nerv der Zeit bei seinen Mitmenschen zu treffen und dies auch noch verständlich rüberzubringen. Kein Wunder, dass er gekauft und gelesen wurde wie der Teufel!

Dank Daniela kann man in den Mythos um Lobsang Rampa sehr tief eintauchen - mich erstaunt auch immer wieder, wie tiefgründig und sorgfältig die Autorin ihre Themen recherchiert. Zudem gibt sie Verweise, um sich selbst in die Thematiken einlesen zu können und untermauert ihre Hypothesen mit reichlichen Quellen und Zitaten, die man in dieser Fülle wohl selbst kaum im Netz zusammentragen kann, es sei denn, man hat sehr viel Zeit und noch mehr Motivation!

Einzige Aufgabe für den / die LeserIn bleibt am Ende, sich selbst ein Bild von Lobsang Rampa zu machen. Dank des reichlichen Inputs fällt dies vielleicht etwas leichter, wenn die brennendste Frage, was sich denn nun genau hinter der Wahrheit um diesen ungewöhnlichen Menschen verbirgt, wohl letztlich nicht wirklich beantwortet werden kann. 

Aber Spaß, sie zu stellen, macht es dank Daniela nun allemal!

Fazit:

Ein rundum gelungenes Sachbuch über ein - wie ich meine - selten beachtetes und damit ungewöhnliches Thema, hervorragend recherchiert, von allen Seiten beleuchtet und absolut leserfreundlich aufgearbeitet.

Das Buch wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt, wofür ich mich von ganzem Herzen bedanken möchte. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst. 

Quelle: Cover und Handlung

Dienstag, 29. Juni 2021

Rezension: "Mythos der Weißen Frauen" von Daniela Mattes und Susanne Klimt

Inhalt:

Fast jede Burg oder jedes Schloss berichtet von Geistererscheinungen, die dort hausen und seit Jahrhunderten die Besucher erschrecken. Ganz besonders häufig hört man dabei von einer „Weißen Frau“, die ruhelos durch die Gänge streift. Dabei handelt es sich meist um die Geister adliger Damen, die durch einen Unglücksfall, einen heimtückischen Mord oder gar Selbstmord zu Tode gekommen sind. Diese Damen haben ihren Tod offenbar nicht verkraftet und konnten nicht ins Jenseits gehen, sondern wandern traurig durch die Zwischenwelt. Einsam und unglücklich, aber nicht gefährlich, obwohl ihr Erscheinen manchmal als Zeichen dafür gewertet wird, dass eine Katastrophe oder ein Todesfall bevorsteht. Doch ganz so einfach ist es nicht, sagt die berühmte Seherin Susanne Klimt …

Mein Eindruck:

Das Sachbuch mit einem, wie ich vermute, eher nicht so bekannten und populären, (aber trotzdem sehr spannenden!) Thema, hat einen ungewöhnlichen Aufbau: Während im ersten Teil von Daniela Mattes die Fakten zu den Ursprüngen und geschichtlichen Hintergründe der Legenden zusammengetragen und erläutert werden, beantwortet im zweiten Teil die Seherin Susanne Klimt in Form eines Interviews Fragen, die man sich nach der Lektüre des ersten Teils nahezu garantiert stellt und gern beantwortet wissen möchte. (Eigentlich ist es sogar die Art von Fragen, die man sich vielleicht immer schon mal gestellt hat, wenn man bereits mit den traurigen Damen aus alten Schlössern in Berührung gekommen ist.) Diese Art der Struktur ist eine spezielle, weil sie weit über bloße Fakten hinausgeht, und sie macht auch die Lektüre des Buches zu einer ganz besonderen Erfahrung.

Möglicherweise kennt der Ein oder Andere die herumspukenden, geheimnisvollen Damen in Weiß durch Filme oder die Beschäftigung mit den Mythen seiner Heimat oder eines Ortes, an dem man mal zu Besuch war und der eine besondere Faszination ausübte, über den man gern mehr erfahren wollte. In diesem Buch gibt es jedenfalls viel Neues zum Thema zu entdecken: Ich zum Beispiel halte mich für ziemlich gut informiert, was spooky Themen angeht, trotzdem habe ich durch Daniela und Susanne auch noch einmal viel erfahren dürfen, was ich noch nicht wusste! Die Recherche erscheint mir sehr akribisch und sorgfältig, denn neben allgemeinen Informationen zu Geschichte und Entwicklung der Mythen sind es vor allem konkrete Einzelfälle, die im Fokus liegen. Dadurch wird das Thema "lebendig", es verliert seine abstrakte Art, die eher "trockenen" Sachbüchern ja leider häufig zueigen ist.

Susanne Klimt schließlich lässt als "Botschafterin" der Geister noch einmal auf eine andere Weise tiefe Einblicke nehmen, die alles andere als alltäglich ist und dem emotionalen Aspekt dieser rätselhaften Spukgestalten eine besondere Bedeutung verleiht. Ich konnte nicht anders, als mit Gefühl zu lesen - und dabei war es doch eigentlich "nur" ein Sachbuch ...

Fazit:

Möchtest du auch einmal eine Weiße Frau treffen? Oder um Gottes Willen bloß nicht? Wie auch immer - die Lektüre kann dir zu beiden Möglichkeiten verhelfen, und sie sorgt für entspannte, angenehm gruselige und sehr mitfühlende Lesestunden!

Das Buch wurde mir von den Autorinnen zur Verfügung gestellt, wofür ich mich von ganzem Herzen bedanken möchte. Meine Meinung bleibt davon unbeeinflusst. 

Quelle: Cover und Handlung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 27. Mai 2021

"Gezeiten des Todes" - Lies hier das erste Kapitel zum Reinschnuppern!

 Kapitel 1

Viola

Für die Urlauber, die das beschauliche Küstenörtchen überfluteten wie Tsunamiwellen einen Strand bedeutete der Sommer Erholung, Spaß und Sonnenbrand. Für Viola war er nichts davon. Von Erholung konnte sie in der Zeit von März bis September nur träumen! Spaßig war es auch nicht gerade, den Dreck fremder Leute wegzuräumen. Und von der Sonne sah man kaum einen Fitzel, wenn man täglich im Schweiße seines Angesichts Wohnungen putzte und nachts zwischen angetrunkenen Feierwütigen Cocktails durch die Bar balancierte, jedoch niemals selbst die Füße in den Sand stecken und das Salzwasser spüren konnte.

Allerdings verdiente Viola während dieser Monate den Großteil ihres jährlichen Einkommens, das sie für sich und Paul, ihren Jüngsten, dringend brauchte. Er war der letzte ihrer drei Knaben, der noch nicht auf eigenen Beinen stand und die anderen beiden – nun ja, offiziell lebten sie in eigenen Behausungen und gingen leidlich bezahlten Jobs nach – doch tatsächlich steckte Viola ihnen regelmäßig den Großteil ihres in der Bar verdienten Trinkgelds zu und sie wusch ihnen auch immer noch die Klamotten, während die Jungs es sich vor ihrer alten Glotze bequem machten und den eh schon nicht üppigen Kühlschrank ausräuberten.

Viola war ein Mensch, der bewusst darauf achtete, das Positive zu sehen und selbst im Schlechten nach etwas Gutem zu suchen. Auf andere Weise kam man noch beschwerlicher durchs Leben als sowieso schon, sagte sie sich, und da das Schicksal sie nicht gerade mit goldenen Voraussetzungen gesegnet hatte, als sie im Herbst 1967 zur Welt gekommen war, musste sie sich die Dinge so einfach wie möglich machen.

Das Gute an ihrer Schufterei und der täglichen Hetzerei zwischen zwei anstrengenden Jobs war, dass ihr Chef Vincent ihr bei der Reinigung seiner Ferienwohnungen relativ freie Hand ließ. Er kontrollierte ihre Arbeit nicht, wie es ein misstrauischer, pingeliger Chef vielleicht getan hätte, und gab ihr damit das Gefühl, einigermaßen selbstständig zu agieren und eine Leistung zu erbringen, die wirklich gebraucht wurde. In ihrem Bereich war sie zweifellos eine Fachkraft, die mit einer klassischen Ausbildung als Hauswirtschafterin dienen konnte, darauf legte sie Wert. Sie war keine ungelernte Putzkraft, die man für einen Billiglohn und ohne Anerkennung ihrer Kompetenz abspeisen konnte! Das Kellnern war erst später dazugekommen und brachte, da sie es inzwischen ebenfalls routiniert und immer mit einem Lächeln auf den Lippen tat, ein zusätzliches, höchst erfreuliches Taschengeld ein.

Das war das zweite Gute: Die Jobs während der Saison waren sicher, denn es gab immer Touristen, die nach Sonne lechzten und bereit waren, die horrenden Preise für die eher einfachen Ferienbehausungen zu zahlen, um sich eine Weile wie ein Fisch im Meer fühlen zu können. Sie setzten ihre Blagen in den Schlamm, drückten ihnen eine Schaufel in die Hand und streckten sich mit einer Tageszeitung auf dem vollgekrümelten Handtuch aus, bis ihre Haut trotz Lichtschutzfaktor 50 leuchtete wie ein frisch polierter Doppeldeckerbus. Sie würden auch im nächsten und übernächsten Jahr wie die Ferienjunkies in den kleinen Ort strömen, der so viele Personen gar nicht zu fassen vermochte und aus allen Nähten platzte. Sie würden ihr in klimatisierten Büros sauer verdientes Geld mit beiden Händen aus dem Fenster werfen und Viola würde darunter stehen und es – ebenfalls mit beiden Händen – auffangen.

Das dritte Gute war, dass es nie langweilig wurde, man sich im Ort inzwischen kannte und immer wieder neuen Menschen begegnete. Soziale Kontakte beugten psychischen Krankheiten vor, so viel wusste Viola aus den Sendungen, die manchmal im Fernsehen liefen. Da ihre Freizeit spärlich und sie dann meistens zu müde für Unternehmungen und Treffen war, genoss sie es, im Rahmen ihrer Berufstätigkeiten regelmäßig mit Menschen zusammenzukommen.

Am besten war allerdings der Umstand, während der Saison selbst eine Ferienwohnung nutzen zu dürfen. Nicht, dass sie viel Freizeit gehabt hätte, um diesen Luxus ausgiebig zu genießen, aber es tat gut, morgens auf den Balkon raus zu treten und in der Ferne zu schauen, ob das Wasser da war oder ob es sich zurückgezogen hatte, wie es das alle sechs Stunden tat, und dabei das Salz in der Luft zu riechen. Und immerhin ihre Jungs genossen die faule Sommerzeit, die viel angenehmer zu verleben war, als die Monate in ihrem winterlichen Quartier außerhalb der Saison, die sie in einer lauten und schmutzigen Großstadt in einer winzigen Mietwohnung mit auf eine Backsteinmauer zeigenden Fenstern verbrachten.

Freilich standen dem ganzen Guten ihre ständigen Rückenschmerzen gegenüber, eine allumfassende bleierne Müdigkeit, die sie morgens und abends in den Händen spürte, die das immer schwerer werdende Tablett hielten, nachdem sie bereits etliche Betten bezogen hatten.

Über all das dachte Viola nach, während sie das Seerose-Appartement betrat, denn Putzen war eine eintönige Tätigkeit, die gut auf die Beteiligung des Kopfes verzichten konnte, weshalb dieser für allerlei Denksport zur Verfügung stand. Große Kreise zog ihr eigenes Hirn nicht, während sie Fliesen schrubbte und Handtücher wechselte, denn es bewegte sich auf immer denselben ausgetretenen Pfaden, die ebenso beschränkt waren wie ihre Entfaltungsmöglichkeiten im Leben. Aber das machte nichts. Viola genoss den routinierten Ablauf und erfreute sich nachher an der Sauberkeit, bevor sie noch eine Praline auf das Kissen legte und die Wohnungstür hinter sich zuzog.

Wie immer nahm Viola zuerst wahr, wie es in der Zweiraumwohnung roch, als sie den winzigen Flur betrat und Schrubber, Eimer und den Korb mit Putzmitteln, Handschuhen und frischer Wäsche abstellte. Sie bildete sich ein, sie könne inzwischen riechen, wie lange ein Gast sich in der Wohnung aufgehalten hatte – ein verlängertes Wochenende roch anders als der Jahresurlaub. Sie meinte sogar, wahrzunehmen, wie viele Personen ihre nach Sonnenmilch und Schlick riechenden Körper unter die Bettdecken gesteckt hatten, und ob es sich um Geschäftsreisende oder eine Familie handelte. (Allerdings war das nicht zweifelsfrei zu beweisen, dass sie das wirklich vermochte, weil die Größe der Wohnung und die Anzahl der Betten zum Schummeln verleiteten.) Was sie noch nicht anhand ihrer Nase erkennen konnte, war die Herkunft der Abgereisten: Ein Bayer roch genauso wie ein Sachse und ein Italiener ebenso wie ein Däne. Weder Weißwurst noch Pizza stachen olfaktorisch hervor. Viola dachte darüber nach, wie jedes Mal, wenn sie eine Wohnung aufsuchte und ein bisschen traurig wurde, weil ihr selbst aus finanziellen Gründen keine Reise möglich war. Keine Chance, jemals zu lernen, die Weißwurst von der Pizza durch Schnüffeln zu unterscheiden, weil sie selbst nie rauskam. Traurige Gedanken zogen trübe Kreise in ihrem Kopf. Sie schob sie beiseite und griff nach dem Glasreiniger, um den Spiegel zu putzen.

Viola erkannte nicht gleich, was es war, aber etwas stimmte nicht. Sie sah sich um und hätte sich im liebsten mit der Hand, die unter Gummi schwitzte, vor die Stirn geschlagen: Die Wohnung war mitnichten unbewohnt, obwohl der Gast doch eigentlich spätestens vor einer Stunde hatte auschecken sollen! Auf dem Badewannenrand befand sich eine geblümte Kosmetiktasche, deren reichlicher Inhalt den fadenscheinigen Stoff ausbeulte. Das Handtuch war akkurat über den Heizkörper an der Tür gehängt und lag nicht auf dem Boden, wie es üblich war. Auf dem Waschbecken prangte ein Kamm, der zwei, drei graue Haare beherbergte, die sich leicht kräuselten. Daneben eine Zahnbürste, die unbenutzt zu sein schien, es aber vermutlich nicht war, denn die Zahnpastatube daneben im Becher war halb leer.

Was war hier los? Hatte sie sich im Appartement geirrt? Das war nicht unmöglich, manchmal stand ihr der Kopf ganz woanders, (kein Wunder, wenn die Jungs ihr immer Kummer machten!), aber auch nicht sehr wahrscheinlich. Sie tat diese Arbeit seit Jahren und kannte ihre Buden besser als jene, in der sie selbst hauste. Die Person, die hier ihren Urlaub verbracht hatte, musste ihren Krempel vergessen oder ihre eigentlich fällige Abreise verpasst haben. Absichtlich? Versehentlich? Hatte sie verschlafen und würde beim Betreten des Schlafzimmers aus tiefen Träumen hochschrecken, schockiert darüber, dass sie jemandem Umstände bereitete und ihr Zug ohne sie losgefahren war?

Fast gleichzeitig mit den sichtbaren Absonderlichkeiten, die sie verwirrten und auch ein bisschen ängstigten, stieg ihr dieser Geruch in die Nase, der zu schwach war, um ihn benennen, aber zu stark, um ihn ignorieren zu können. Violas Bauchgefühl, das sie schon vor so manchem halbseidenen Gast in der Bar rechtzeitig gewarnt hatte, meldete eindeutig einen Eindruck von Gefahr. Noch ehe ihre Nase überhaupt begriff, was los war, und eine mögliche Erklärung lieferte, war ihr Instinkt schon am roten Knopf angelangt und hatte diesen kräftig gedrückt. Hier stinkt’s. Hier stinkt’s sogar gewaltig. Es war ein Geruch, den sie noch nie gerochen hatte, nichts zu essen, ob frisch oder alt, nicht wie ein besudeltes Betttuch, (von denen ihr viele im Lauf der Zeit begegnet waren), nicht wie eine Müllkippe oder ein Zimmer, in dem lange nicht mehr gelüftet worden war. Aber alles davon steckte ein bisschen in dem Geruch – und noch etwas ganz anderes, für das es keine passenden Worte gab.

Viola schüttelte den Kopf, denn sie war sich nicht sicher, ob das nicht Einbildung war. Sie war hart im Nehmen. Das musste sie auch sein, denn manche Leute waren richtige Schweine und hinterließen eine visuelle und olfaktorische Hölle, wenn sie heimfuhren, ohne jemals an die arme Reinigungskraft zu denken, die Hände und Nase in ihre Hinterlassenschaften stecken musste, um sie zu beheben. Deshalb war sie auch nicht leicht aus der Bahn zu werfen und schon gar nicht von einem Geruch! (Und was ist mit dem Besitz dieser Person, die nicht mehr hier sein sollte? Ist der auch Einbildung?)

Viola schüttelte erneut den Kopf, noch unwilliger als zuvor, und hielt ihren Eimer unter den Wasserhahn in der Wanne. Spritzte etwas von dem scharfen Reiniger dazu und betrachtete die Seifenblasen, die sich bildeten. Sofort war der Geruch verschwunden und sie war nicht einmal sicher, ob er überhaupt da gewesen war.

Sie hatte wenig geschlafen in der Nacht, denn es tummelte sich eine große Zahl von Menschen in dem Ort und stahl mit ihrer Vergnügungssucht Viola den Schlaf, weil die Leute auch im Morgengrauen immer noch johlend und lachend durch die Straßen zogen. Na ja, vielleicht nicht alle, aber diese Gruppe von Jugendlichen, die auf dem Zeltplatz nicht weit von ihrer Wohnung untergebracht war, tat es bestimmt. Abgesehen davon, dass es verboten war, nervte es auch in ganz erheblichem Maße, aber damit musste man wohl leben, wenn man die Frühlings- und Sommerzeit in einem Ferienort verbrachte.

Als Viola den vollen Eimer aus der Wanne hob, protestierte knackend und ächzend ihr Rücken. Sie stellte ihn auf den Fliesen ab, griff mit den Händen hinein, um nach dem Lappen zu fischen und es dauerte nicht lang, bis sie in ihre gewohnte Routine hineinfand. Über die Jahre hatte sie den Ablauf ihrer Arbeit perfektioniert: Erst das Bad – Waschbecken, Wanne, Klo, schrubben, Seife auffüllen, Toilettenpapier nachlegen, den Spiegel polieren und zum Schluss den Boden wischen. Die Habseligkeiten der fremden Person schob sie einfach beiseite. Sicherlich war der Plunder vergessen worden und würde bald nachgeschickt werden müssen. Sie nahm sich vor, Vincent darüber Bescheid zu geben und schon mal auf der Post einen kleinen Karton zu besorgen. Sehr wahrscheinlich würde ihr die Aufgabe zufallen, dem vergesslichen Gast seine Utensilien hinterherzutragen.

In der kleinen Einbauküche legte sie besonderes Augenmerk auf den Kühlschrank, der musste ausgeräumt, blitzblank geputzt und am Ende mit frischen Küchentüchern ausgelegt werden. Sie kontrollierte sogar die Schubladen, die alles Notwendige enthielten, ob sich ein Haar darin verirrt hatte, (was oft passierte und leicht zu beheben war). Schließlich das Wohnzimmer, in dem ein bisschen Nippes, klassische maritime Motive, und der Fernseher zu entstauben und die Kissen aufzuschütteln waren. Saugen und wischen. Die Fenster kontrollieren und bei Bedarf reinigen.

Na bitte, auch hier sah man überdeutlich, dass sich vor kurzem noch jemand dort aufgehalten hatte: Zwei Weingläser auf der Anrichte, eins davon mit Lippenstift beschmiert (Welch schreckliches Klischee!) und daneben eine halb leere Flasche irgendeines mittelpreisigen Rebengesöffs. Sie spülte die Gläser, sorgfältig darauf bedacht, alle Spuren zu beseitigen, damit sich niemand beschwerte. Schüttete den Wein in den Ausguss und steckte die leere Flasche in den Müllbeutel, den sie entfernte und zuknotete. Die hellbraune Strickjacke über der Sofalehne packte sie ebenso in ihre Tasche wie die Sachen im Bad. Auch Pantoffeln fanden sich unter dem Sofa. Wie vergesslich war dieser Mensch bitteschön? Weiblich vermutlich und wohl ziemlich alt, den Haaren im Kamm und dem unmodernen Schnitt der Jacke nach zu urteilen, aber das war keine Entschuldigung dafür, dem Reinigungspersonal so viel zusätzliche Arbeit zu bescheren! Sie seufzte und sah auf die Uhr, bevor sie weitermachte.

Viola war in ihrem Element, sie arbeitete effizient und leichtfüßig, spürte nicht einmal mehr ihren Rücken und die Risse in der Haut auf den Händen, gegen die sie stets erfolglos ancremte. Sie hatte Kopfhörer auf den Ohren und ließ sich von Beatrice Egli den Arbeitsalltag versüßen.

Als sie mit den Zimmerecken fertig war, (hier verirrten sich immer wieder Spinnweben hin und wo Spinnweben waren, ließ auch Staub nicht lang auf sich warten), hielt sie inne, den Lappen in der Hand und schon nach der Möbelpolitur greifend. Sie wollte den Kommoden gerade ihre extra Portion Pflege gönnen, da war er plötzlich wieder da, dieser widerliche Geruch, der in ihrem Duftrepertoire keine Entsprechung fand. Sie holte tief Luft und vergaß die Kommoden. Er kam aus dem Schlafzimmer, dieser … Gestank? Dem einzigen Ort der kleinen Wohnung, den sie noch nicht aufgesucht hatte. Hatte sie sich bisher davor gedrückt? Es wäre doch ein Leichtes gewesen, eben nachzuschauen, ob der Gast tatsächlich noch zwischen den Laken lag, weil der Wecker nicht geklingelt hatte. Aber sie hatte das nicht getan. Weil es eine Überwindung erforderte, die sie erst in sich sammeln musste?

Viola hielt inne. Ihr fiel nun wieder ein, woran der Geruch sie erinnerte. Sie hatte so etwas in der Art doch schon einmal gerochen: Es verströmte die gleichen Ausdünstungen wie die tote Maus, die Minki, ihre Katze, ihr einmal in die Gartenschuhe gelegt hatte. Da es ein paar Tage geregnet und Viola so lange den Garten nicht betreten hatte, war die Maus erst nach einer gewissen Zeit gefunden worden. Das war lang her! Ihr Ex-Mann, der in besseren Zeiten an ihrer Seite gewesen war und sich um solche Dinge gesorgt hatte, kümmerte sich um das unappetitliche Geschenk und damit war es gut gewesen. Aber jetzt war nichts gut, denn dieser Tote-Maus-Geruch definierte sich als ein Problem. Man durfte, dachte Viola, ihn eigentlich nicht einmal Geruch nennen, denn für ein solch harmloses Wort war die Erscheinung plötzlich zu widerwärtig und zu grässlich. Sie versammelte alle Ängste in sich, die ein Mensch überhaupt je haben konnte und fabrizierte davon ein unerträgliches Potpourri, das ihre Nase strikt ablehnte. Doch es half nichts. Wenn sie Klarheit haben wollte, musste sie es schaffen, die Tür zu öffnen und die Sache zu überprüfen.

Viola wollte nachschauen gehen, es waren nur vier Schritte bis zur geschlossenen Tür. Doch sie stand wie festgewurzelt und spürte, wie ihre Schweißdrüsen unter den Achseln zur Hochform aufliefen. Was würde sie erwarten, wenn sie das Schlafzimmer betrat? Ein Flattern in ihrer Brust erschwerte ihr das Atmen, das bis eben noch reibungslos geklappt hatte. Würde auf dem Bett etwas anderes zu finden sein als die Flecken menschlicher Körperflüssigkeiten, die sie üblicherweise mit einem verständnislosen Kopfschütteln beseitigte, bevor sie das Bett neu bezog, ohne weiter darüber nachzudenken? Und was um Himmelswillen sollte das sein? Blut?

Wenn sie es recht bedachte, mischte sich nun auch ein metallischer Hauch in diesen Tote-Maus-Geruch. Die ersten Anflüge von Übelkeit regten sich in ihrem Inneren. Was sollte sie tun? Einfach abhauen und die Polizei anrufen? Oder ihren Chef Vincent? Was, wenn da gar nichts war und die Polizisten sie sich über ihre Hysterie lustig machten? Oder wenn Vincent sauer wurde, weil sie ohne Grund die Pferde scheu machte, sich womöglich Gerüchte entwickelten, die seinem Geschäft schaden konnten? Sie war auf diesen Job angewiesen, denn einen anderen würde sie kaum bekommen! In den Augen des Arbeitsmarktes war sie alt wie Methusalem und sie hatte kaputte Bandscheiben. Und selbst, wenn sie etwas Neues bekam, dann sicher nicht vergleichsweise so gut bezahlt! In dem Fall wäre außerdem auch die Bar Geschichte, denn die gehörte ebenfalls Vincent, und er war bestimmt nicht erfreut, wenn eine seiner besten Kellnerinnen durchdrehte und die Gäste verunsicherte. Andererseits konnte er auch nicht begeistert sein, wenn sich etwas … Unaussprechliches… in einem seiner Betten befand, das stinkend und saftend die geblümte Bettwäsche und die fast neue Matratze besudelte …

Viola beschloss, zur Sicherheit nachzuschauen, um nicht blinden Alarm zu schlagen und damit die Wut der Beamten und ihres Bosses auf sich zu ziehen. Sie straffte die Schultern und nahm alles an Mut zusammen, was sie in ihrem Herzen finden konnte. Vier Schritte. Das schaffte sie doch wohl! Die Hand auf die Klinke legen. Sie runterdrücken, ziehen. Das war einfach. Menschen taten es millionenfach jeden Tag! Viola tat es auch.

Fünf Sekunden später wünschte sie sich, sie hätte es gelassen. Ihr bot sich ein Anblick, der sich nie wieder aus ihren Erinnerungen tilgen ließ und von nun an jede Nacht über sie hereinstürzte, sobald sie die Augen schloss. Die tote Maus war gar nichts dagegen gewesen! Und es gab auch keinen Ex-Mann, der sie von den Bildern in ihrem Kopf befreien konnte, wie er vor vielen Jahren den verwesenden Mauskadaver in der Tonne entsorgt hatte.

(...)

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