Dienstag, 8. Oktober 2019

Was Geschichten uns schenken

Seit jeher begeistern sich die Menschen für Geschichten. Schon vor Urzeiten saßen die Familien um das Lagerfeuer herum und lauschten den Ältesten, die allerlei zauberhafte, gruselige und interessante Dinge zu erzählen hatten. In solchen Momenten traten die nicht ganz einfachen Lebensbedingungen, unter denen die Menschen zu jeder Zeit litten, ein Stück weit in den Hintergrund. Es gab nichts weiter als diese Stimme, die in magische und fremde Welten entführte. Bedeutsam war nur noch dieser Erzähler, der ein ganzes, völlig neues Universum vor den Augen seiner Zuhörer entfaltete.

Heute sitzen wir nicht mehr um Lagerfeuer herum, (es sei denn, es handelt sich um eine laue Sommernacht mit Grillzeremonie, Gitarrenliedern und dem ein oder anderen zwischenmenschlichen Drama zu fortgeschrittener Stunde). Wir sitzen in rückenschonenden Bürostühlen vor dem Computer, an einem klapprigen Kantinentisch oder zu Hause auf dem durchgerungsten Sofa. Aber wir hören immer noch gern Geschichten. Einige von uns lieben Geschichten derart, dass sie einen Großteil ihrer freien Zeit neben tausend Verpflichtungen dafür verwenden, ihre Nase in ein Buch zu stecken und sich aus der echten Welt eine Zeitlang auszuklinken. Andere lieben Geschichten noch ein bisschen mehr und schreiben selbst welche für die Menschen, die hungrig auf neue Geschichten sind.


Warum tun Menschen das? Erzählen und zuhören? Aufschreiben und lesen?
Geschichten sind nichts Reales. Es sind Hirngespinste, die man nicht anfassen kann. Sie sind kein Produkt, das man pflegen, tauschen, verschenken oder wegwerfen kann. Sie sind Gedanken in einem Kopf, die jemand teilt. Und doch schaffen sie es, aus ihrer schwammigen Existenz heraus, sich in uns festzukrallen. Sie unterhalten und bereiten Freude, sie trösten und lehren, sie schaffen ganz eigene Welten ohne Grenzen. Sie sind greifbar gewordene geistige Substanz und ein großes Abenteuer. Bestimmt ist eine der größten Errungenschaften der Menschen seine Fähigkeit, Geschichten zu erzählen. Ob an einem Lagerfeuer unter Nomaden oder auf einem plüschigen Sofa im Kreis der Familie:

Erzählt Geschichten! Lest Bücher! Lasst euch darauf ein, denn nichts ist so gewaltig und grenzenlos wie die Fantasie! Eure und die von Menschen, die sich die Zeit genommen haben, ihre Geschichten zu Papier zu bringen.

Denn manchmal gibt es nichts weiter, als diese Stimme, die in magische und fremde Welten entführt.

(Bildquelle)